Kritik THOMAS FREITAG mit seinem Programm "Millionär in 98 Minuten" vom 11.5.2000 aus dem General-Anzeiger Bonn: Nur die Guppys hörten sein Seufzen Finanzjongleur mit weißen Socken und Bömmelslippern: Thomas Freitag weist im Bonner Pantheon den Weg zum "Millionär in 98 Minuten" und hat trotzdem kein Glück bei den Frauen Von Gunild Lohmann Bonn. Was ist das bloß für eine Welt? Spitzenverdiener ächzen so nachdrücklich unter dem Steuerjoch, dass die Uno ein Unternehmerhilfswerk namens "Unichef" plant, deutsche Bratwürste sind Stammkunden im Miles-and-More-Programm der Lufthansa, und weil "1000 Steuertricks" weiter verbreitet sind als die Bibel, glaubt jeder, Jesus habe das Letzte Abendmahl als Geschäftsessen abgesetzt. Und mittendrin Frank Weber (großes W, kleiner Eber), Sparkassenangestellter mit Ambitionen zum dynamischen Finanzberater. "Millionär in 98 Minuten" lautet die Lockformel von Frank Weber alias Thomas Freitag, und das Publikum im Pantheon liegt ihm zu Füßen. "Der Euro ist der Gerhard Schröder unter den Devisen: Plötzlich ist er da, und keiner will es gewesen sein." In seinem neuen Soloprogramm aus der Edelfeder von Dietmar Jacobs doziert Freitag über Aktienfonds und steuersparende Heiratsmodelle, er wirft ein Wollknäuel in die Menge, um Beziehungsnetze zu knüpfen und versteigert mal eben 250 Arbeitsplätze: Frankreich bietet das Ende der 35-Stunden-Woche, Nigeria kontert mit der Abschaffung der Mindestlöhne, Österreich legt noch zwei Karten für den Wiener Opernball drauf. Alles vergebens: Deutschland globaliflexibilisiert das Reinheitsgebot und bekommt den Zuschlag. Nach und nach wagt sich hinter dem Börsenguru der herausragende Mittelmaßler hervor: herzzerreißend und witzig zum Umfallen. Die Guppys im Aquarium daheim können Kollegin Fräulein Lenz nicht ersetzen: Für sie zieht Frank seine besten weißen Socken, die Bugs-Bunny-Krawatte und Bömmelslipper an, setzt die coole Sonnbrille auf und sieht trotzdem nur aus wie eine Mischung aus Heino und Bodo Hombach. Frank Weber ist eine tragische Existenz. Deshalb ist die Show auch keine Aneinanderreihung von Standup-Nummern, sondern ein in sich schlüssiges Drama mit veritablem Wendepunkt: Nach einem surrealistischen Dialog mit dem Tod in der Straßenbahn nimmt Weber sein Leben in die Hand. Und klaut fünf Mark aus der Kasse, um Fräulein Lenz zu imponieren. An einem rasanten, intelligenten und sogar poetischen Abend zieht Freitag alle Register, lässt neben perfektem Timing und Gespür für leise Töne ganz nonchalant sein umwerfendes Parodietalent aufblitzen. Aber wer braucht Helmut Kohl, Gaby Köster und Reich-Ranicki? Frank Weber (großes W, kleiner Eber) reicht völlig. (11.05.2000) |
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