1. Pantheon Lesenacht
mit Jess Jochimsen, Dietmar Burdinski,
Jochen Malmsheimer, Johann Köhnich.
Kritik vom 8.1.2001 aus dem General-Anzeiger Bonn:


Vier Kabarettisten suchen den Autor in sich selbst

Jochimsen und Co. im Bonner Pantheon

Von Wolfgang Schlüter

Bonn. Neue Leiden, alte Antworten: Natürlich kann Nacht-Talker "Äh-Äh-Domian" mit Johann Köhnichs "visuellem Tinnitus" nichts anfangen, das Bonner Pantheon schon. Mit seiner 1. Lesenacht - Motto: "Es gibt nichts Schöneres, als Geschichten vorgelesen zu bekommen" - setzt es ein Zeichen gegen die "reizende", allumfassende Bilderflut, stillt mit dieser Novität für zwei wertvolle Stunden das ewige "Pfeifen im Auge".

Vier Kabarettisten - Jess Jochimsen, Johann Köhnich, Dieter Burdinski und Jochen Malmsheimer - suchen den Autor in sich selbst; und werden fündig. Die Dramaturgie ist denkbar einfach, der Rahmen zwanglos: Abwechselnd nach vorne treten und lesen, Pause, lesen, fertig. Rauchen? Kein Problem. Getränke können geordert werden, auch vom Publikum, und so räkelt sich der Abend in der wohligen Entspanntheit, die Jochimsen - amtiert auch als Moderator - Harry Rowohlt zitieren lässt: "Schausaufen mit Betonung".

Und die Texte? Geschichten, Glossen und Reime handeln vom Alltag, und, ganz versteckt, von dessen Doppelbödigkeit, pointillistische Tupfer auf dem Gewebe, das uns alle umgibt. Ob leise-verzögert oder Überschallgeschwindigkeit - allen gemein ist die ausgeprägt szenische Erzählweise. Jochen Malmsheimer, die bärtige Hälfte von "Tresenlesen", formuliert schneller, als andere denken. Klar, dass bei ihm die Welt als "alles, was der Fall ist", in guten - bösen! - Händen ist. Deshalb bereitet er sich morgens mindestens zwei Brote, weil eins sowieso auf die beschmierte Seite fällt. Murphy`s law - was schief gehen kann, geht schief - ist wohl nur selten mit solch kakophoner Fulminanz auf die Bühne gebracht worden.

Jochen Malmsheimers Gegenpol ist Johann Köhnich. Ihn muss man einfach lesen sehen! Schüchtern und verdruckst wie ein sprechender Buster Keaton spielt er mit Pointen, die eigentlich keine sind, die aber gerade dadurch - als Meta-Pointe - einschlagen wie Bomben. Das somnambule Selbstgespräch als Kunst: "So Johann, du bist jetzt im Supermarkt" - Pause - "jetzt musst du auch was kaufen" - sehr lange Pause - "Aber was, weiß ich auch nicht."

Hinreißend auch Dieter Burdinski mit einem ganz interaktivem Ansatz. Brieflich belästigt er mit gespielten Überemüfindlichkeiten gestandene Unternehmen. So leidet er zum Beispiel unter dem Zwang, Schokoladennikoläusen in Supermärkten heimlich die Köpfe einzudrücken. Die Unternehmens-Antworten an den Letter-Man sind oft so glänzend wie die Eingaben. Mehr davon.

(07.01.2001)

Jochen Malmsheimer spielt sein Solo-Programm "Wenn Worte reden könnten" am 8.+9.Juni 2001 im Pantheon. Außerdem ist er als Bühnengast bei der Götterfunken-Kabarettrevue am 4.3.2001 dabei

Die nächste Lesenacht mit Jess Jochimsen, Johann Köhnich, Thomas Maurer und Susanne (Popette) Betancor gibt es am 22.Mai 2001

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