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Die Vorleser - 7. Pantheon Lesenacht
mit Jess Jochimsen, Jan Off, Michel Birbaek, Jaromir Konecny
Kritik vom 29.1.2003 aus dem General-Anzeiger Bonn:
Dosenmilchtrauma
Lesenacht im Bonner Pantheon
Von Ulrike Strauch
Bonn. Was dabei rauskommt, wenn man einen Dänen aus Köln, einen Tschechen aus München und einen Braunschweiger aus Leipzig auf die Bühne bittet und das ganze von einem Freiburger Kabarettisten und Kultautor mit "Dosenmilchtrauma" moderieren lässt? Die Antwort darauf gab es bei der inzwischen siebten Lesenacht des Pantheons. Rund zwei Stunden lang wechselten "Die Vorleser" einander am Mikrofon ab und boten dem Publikum ihre von Mann zu Mann naturgegeben recht unterschiedlichen Sichtweisen auf wilde alte Zeiten. Eines haben die Vier dabei in jedem Fall gemeinsam: die Lust am Erzählen scheinbar harmloser Episoden, bei genauem Hören mit hohem Wiedererkennungswert.
Fazit: Man muss nicht wie Moderator Jess Jochimsen von seinen politisch korrekten Eltern im Gandhi-Kostüm samt Papas Badelatschen und Bettlaken zum Straßenkarneval geschickt werden, um die Einsamkeit kennen zu lernen. "Was mich fertigmacht, ist nicht das Leben, sondern die Tage dazwischen." Damit hat Michel Birbaek, früherer Gagschreiber für Raab und Schmidt, die Misere auf den Punkt gebracht. Während sein tschechischer Schriftsteller-Kollege Jaromir Konecny seinerzeit noch über deutschen Umlauten brütete, um sich seines - zugegeben doch hinreißend harten - Akzents zu entledigen.
Die Stimme aus dem Off, mit Vornamen Jan, wiederum kann sich schon längst nicht mehr an die mindestens dreizeiligen Bandnamen erinnern, die er und seine Freunde sich nach dem Genuss zahlreicher Dosenbiere und kleiner bunter Pillen verliehen. Aber wie die Bühne eines Punk-Rock-Konzerts binnen Minuten zum Fegefeuer mutiert und wie man Deutsch-Nationale mit Turnstunden auf offener Straße der Lächerlichkeit preisgibt, das weiß er zu erzählen. Zwar ist aus Birbaek dann doch nicht der drittbeste Torwart der Welt geworden, zwar hat der böhmisch-bayerische Patriot Konecny keinen Doppelpass, dafür aber ein Antiquariat in München.
Zwar konnte sich Off mit seiner Version des Kufsteinliedes keinen dauerhaften Platz in der Hall of Fame des Punk-Rock sichern, und Jochimsen denkt noch heute an die Pubertät als die Zeit, als seine Eltern anfingen, schwierig zu werden. Doch was macht das schon, wenn alle vier bei ihren Zuhörern zu guter Letzt vor allem ein Gefühl hinterlassen: Mehr davon.
(28.01.2003)
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Die Vorleser - 9. Pantheon Lesenacht
mit Jess Jochimsen, Jenni Zylka, Horst Evers, Peter Zudeick
Kritik vom 17.9.2003 aus dem General-Anzeiger Bonn:
Rasiermesserscharfe Wortkünstler
Lesenacht im Bonner Pantheon
Von Ulrike Strauch
Bonn. Leute, die gerne Kolumnen oder mitunter sogar ganze Bücher vollschreiben, lieben Cafés. Auf Jess Jochimsen, Gastgeber der Pantheon-Lesenächte, trifft das zu. Und auf seine Gäste Jenni Zylka, Horst Evers und Peter Zudeick mit Sicherheit ebenso. Auch wenn die sich wundern, dass man auch außerhalb Berlins Kaffee trinken und Zeitung lesen kann.
Abgesehen von Köln natürlich, konstatiert Jochimsen in seinen zehn Regeln für das perfekte Café. Womit der WDR-Rundfunkredakteur und Satiriker Zudeick schon wieder aus dem Rennen wäre. Im Bonner Pantheon allerdings gibt es zu so vorgerückter Stunde keinen Latte Macchiato im Glas, sondern Wasser oder Bier. Und das auch auf der Bühne, wo sich die vier "rasiermesserscharfen Wortkünstler", die Klinke, oder besser gesagt das Mikrofon in die Hand geben.
Zylka, die im signalroten Hosenanzug gekommen ist und ihren Vornamen mit i am Ende schreibt, lebt in Kreuzberg, schreibt für die taz und hat in ihrem Buch "1 000 neue Dinge, die man bei Schwerelosigkeit tun kann" eine wirkungsvolle Weise des Studenten-Ärgerns erfunden. Maximal 20 Minuten dauert es, bis ihr detaillierter Audio-Kommentar im Kino umsitzende Nachwuchs-Cineasten endgültig zur Weißglut treibt.
Horst Evers, Träger des Pantheon-Publikumspreises "Beklatscht und ausgebuht 2001" und selbsternannter Alltagsphilosoph, hat irgendwann gehört, dass "sie jetzt auch außerhalb Berlins `was gefunden haben". Zum Beispiel in Rheine, wo brennende Scheunen und turmhohe Nudelberge Stoff fürs Stadtgespräch bieten.
Aufpassen, was man so sagt, sollte man aber vor allem als demokratisch gewähltes Haupt, findet Peter Zudeick. Tut man es nicht, muss man seine Wortwahl so wie Gerhard Schröder einfach noch mal "Revue kapitulieren lassen". Sich aber dann nicht beschweren, wenn man mit solchen Bonmots im Keller am Bonner Bundeskanzlerplatz landet.
Zur Reihe "Die Vorleser" sind jetzt zwei CDs mit Beiträgen aus bislang neun Lesenächten im Bonner Pantheon erschienen.
(16.09.2003)
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