Kritik ROLF MILLER "Der Spass ist voll"
vom 8.1.2000 aus dem Bonner General-Anzeiger:


Pantheon: Rolf Millers gut geölte
Phrasendreschmaschine

Von Wolfgang Schlüter

Bonn. Viel braucht es nicht für diesen tränentreibenden Riesenjokus: Die Bühne - die stellte ihm das
Pantheon zur Verfügung -, einen Stuhl und diesen phänomenalen Miller. Rolf Miller, die vom Bad in
den Wonnen der Gewöhnlichkeit frisch geölte Phrasendreschmaschine. Sagenhaft, was die Wörter
sagen können - wenn man sie denn hätte. Millers Thema. Linkisch und listig verdreht er den Jargon
des sprachlich marginalisierten Durchschnittstypen. "Ich bin bestimmt nicht ausländerfreundlich.
Irgendwann isch aber doch der Spass, äh, ne, die Geduld erreicht." Von innen heraus, mit
abgefeimter (Sprach-)Mimikry enttarnt er die virulente, auf Halbwissen gestützte Kleingeistigkeit des
Normenspießers, ortet dabei überzeugend das so genannte "Politische" im Privaten.

Dieses Gebräu aus Platituden und Andeutungen ist semiotisch ungeheuer aufschlussreich, das
Wichtigste aber: Der "Spass", den das Programm verspricht, ist tatsächlich "voll".

Die Zugänglichkeit unseres Schwadroneurs ist nur gespielt. Er "weiß" natürlich, der Ausländer, der "is
scho a Volk für sich". Dennoch spricht er den ukrainischen Straßenmusiker in der Fußgängerzone
freundlich an: "Guten Tag, Ukrainer, wie sieht`s denn überhaupt aus?" - doch der Sozialneid schläft
nie. Missgünstig registriert er gute Kleidung und Schinken, "hat der bestimmt nicht von daheim
mitgebracht".

Moderne Frauen sind diesem Bilderbuch-Chauvi ein ewiges Rätsel. Gut, leicht haben die`s nicht, "mit
dieser doppelten Mehrfachbelastung". Aber dieser ganze Zirkus mit "Frauen, Ausländer und Natur"!?

Nicht, dass unser Chauvi keinen feinen Sinn für Dialektik hätte. Zum Beispiel "dem Markus seini" die
steckte mal richtig in der "Zwickmühle". Da haut im Lokal ein Italiener seiner Frau so richtig eins, "aber
voll, net bloß als Warnung" - und "dem Markus seini, die konnt nix mache": sollte die jetzt zum
Ausländer halten, oder zu den Frauen?

(07.01.2000)

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