|
|
PINK PUNK PANTHEON
die kabarettistische Karnevalsrevue
Kritik vom 17.1.2003 aus dem General-Anzeiger Bonn:
Der Mix macht's, wie immer
Die Premiere zur 20. Session von Pink Punk Pantheon geht erstaunlich geschmeidig über die Bonner Bühne - Zeit für einen Rückblick auf die Anfänge
Von Heinz Dietl
Bonn. Horst Schauer erinnert sich: "Unser Elferrat bestand aus drei Leuten, wir haben bühnenreif getrunken und Frauenfeindlichkeit parodiert." Der 47-jährige Kölner, der heute bei der Europäischen Zentralbank in Frankfurt seine Brötchen verdient, war Anfang der achtziger Jahre Student in Bonn und Mitbetreiber eines Kleinkunstladens in der Kessenicher Bergstraße.
Im "Fettnäpfchen" gärte die junge Kulturszene der Stadt, wo heute der Holzkohleofen eines italienischen Restaurants glüht, stand damals die kleine Bühne, auf der im Februar des Jahres 1984 ein folgenschweres Experiment stattfand: eine Karnevalssitzung. Mitglieder der Kabarett-Ensembles Thalias Transit und Theater Lichterloh hatten zu dieser frevelhaften Aktion aufgerufen.
An Schauers Seite agierte ein subersiver Anti-Jeck namens Norbert Alich, am Schlagzeug saß ein gewisser Rainer Pause. Es war Karneval als Karikatur einer konventionellen Sitzung. Motto: "Mer laache us duut". Logo: ein Totenkopf mit Pappnas.
Schauer: "Die Kölner Stunksitzung gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht." Auch Rainer Pause erinnert sich: "Wir haben erst später erfahren, dass Kölner Kabarettisten eine Stunksitzung planten." Ob Köln oder Bonn, die Motivlage war identisch: "Der offizielle Sitzungskarneval ging uns allen mächtig gegen die Strich", so Pause. Dabei waren die Karnevalsgegner nie gegen Karneval.
"Aus dem heimlichen Wunsch, doch mitfeiern zu wollen, entstand diese neue Idee." Das Projekt entwickelte eine enorme Eigendynamik. Bei der zweiten Session im Fettnäpfchen rückte Pause ins "Präsidium" auf. Es war erneut eine Herrensitzung mit Frauenwitzen - als Persiflage natürlich. Nach der Pause drehten die Männer den Spieß um und machten ihre Scherze in Frauenkleidern.
Das Fettnäpfchen wurde 1986 geschlossen, der Tross wanderte ab in die Brotfabrik. Dort erlebte die Fangemeinde eine legendäre Geburtsstunde. Rainer Pause und Norbert Alich brachten zum ersten Mal zwei Figuren zum Einsatz. "Fritz und Hermann sollten auf der Bühne etwas Ordnung ins Chaos bringen", so Pause.
Das gelang, denn mit dem Vorsitzenden des ersten freien kritischen Karnevalsvereins (1.FKK) Hermann Schaderlappen und seinem Alterspräsidenten Fritz Litzmann bekam das Chaos menschliche Konturen. Zwei Spießer zum Anfassen, die schließlich zu Superstars des rheinischen Kabaretts avancierten.
Seit 1988 residiert der alternative Karneval im Pantheon. Frühe politische Themen waren Emanzipation, Atompolitik und die Nachrüstung, in der Post-Pershing-Periode holte sich der Pink Punk Pantheon seine Inspirationen vorzugsweise von der gegenüberliegenden Seite des Bundeskanzlerplatzes.
Die Kohl-Regierung hat allerdings nie Tantiemen eingefordert. Der Umzugsbeschluss erwies sich ab 1991 als unerschöpflicher Themenfundus.
Berlin ist böse, Bonn bleibt tapfer am Ball. David gegen Goliath, das zieht immer, besonders wenn Fritz das Klagelied anstimmt.
Gefeiert wird die 20. Session nicht. Ein kleiner Verweis im Programmheft, zwei Sätze auf der Homepage, der Rest ist Schweigen im Jubiläumsjahr. Selbst der Karneval ist kaum Thema. Das Publikum demonstriert intuitiv seine Zustimmung. Bei der Premiere des neuen Programmes wurde ein einziges Hütchen gesichtet, und zwei, drei leuchtende Kopfantennen. An der Decke ein paar Luftballons. Luftschlangen: null. Konfetti: Fehlanzeige. Alaaf.
Und doch: Selten legte das PPP-Ensemble einen gelungeneren Start in die Session hin. Während bislang die Regel galt, dass die amorphe Masse aus mehr oder weniger fertigen Nummern nach der Premiere auf genießbare dreieinhalb Stunden gekürzt werden musste, so ging der Auftakt dieses Mal erstaunlich geschmeidig über die Bühne.
Sparzwänge machen erfinderisch, gleich in der ersten Nummer unternahmen Karin Krömer und Axel Cruse den Versuch, die komplette Veranstaltung auf ein vierminütiges Schattenspiel zu reduzieren. Reine Koketterie, aber doch sehr amüsant. Der Mix macht's, wie immer. Fritz und Hermann trinken sich auf ihrem Hochsitz in Form, moderieren geschickt am fälligen Rechenschaftsbericht vorbei, kommentieren oft nonverbal die Anstrengungen der Vereinsmitglieder, die der Ablenkung cool trotzen und ihren Stiefel durchziehen.
Geschichtsbewältigung ist angesagt: Cruse moderiert als Guido Knopp das Defilee vergesslicher Zeitzeugen, Tunc Denizer und Dirk Vittinghoff probieren deutsch-türkisches Zusammenleben - in einem gemeinsamen Pullover. Ruth Helm ist die perfekte Claudia Roth. Zwei Prostituierte erklären das neue Tarifsystem.
Das Ensemble zieht viele Register: Höhepunkt ist die Insolvenz eines Klempners, arrangiert als tragische Oper mit durchweg ausgereifter Stimmführung.
Dann die krasseste Wallfahrt aller Zeiten: Die Marienverehrung wird zur "Mariechenverehrung". Schließlich der technisch anspruchsvollste Musiktitel: "Bohemian Rhapsody" von Queen, das war Feinkost für die Ohren. Zum Abschluss der obligatorische Schuss "Kölsch für Europa" - und viel Applaus.
Alle weiteren Vorstellungen sind bereits ausverkauft. Die Veranstaltung wird vom WDR aufgezeichnet. Sendetermin: 27. Februar, 22.30 Uhr, WDR-Fernsehen.
(16.01.2003)
nach oben |
|