Kritik PRIX PANTHEON 2000, 1.Tag
vom 4.5.2000 aus der Bonner Rundschau:

Gelungener Auftakt des zweitägigen Kabarettisten-Wettstreits "Prix Pantheon" in Bonn

von Gregor Ritter

Auf einmal sind die Füße gefesselt

Bonn. Ödipus ist stinksauer. Irgendjemand hat seinen Vater gemeuchelt, aber der blinde Seher Teiresias will nicht so recht mit der Sprache heraus. Dann passiert es: Kabarettist Bodo Wartke verliert bei seinem textlich etwas krude zusammengestellten Ein-Mann-Sophokles den Faden ("Das könnte länger dauern jetzt...") - da helfen auch keine Souffleurversuche aus dem Publikum. Und das ausgerechnet bei diesem Auftritt, in Bonn. Beim Prix Pantheon, für den zwei Abende lang insgesamt zwölf Kabarettisten wettstreiten. Egal, scheint sich Warke gedacht zu haben und macht aus der Not eine Tugend, überspielt den Hänger glänzend und kommt danach in seiner Spielfreude nicht umhin, auch ungewollte Speichelduschen auf die erste Reihe mitfühlend zu kommentieren. Toll.

Die Jury wird es auch in diesem Jahr nicht leicht haben. So unterschiedlich die Stile, so bunt das Programm und so hoch dabei das Niveau, das die Kleinkünstler schon bei der Auftaktrunde an den Tag legten. Paradiesvogel des ersten Abends war zweifelsohne Alf Poier, ein hageres Männlein, das in elliptischen Sätzen nur zweierlei im Schilde führt: Kalauer bis an die Schmerzgrenze, garniert mit überaus ominösen Zen-Weisheiten. Dazu gab´s jede Menge selbstgemalte Skurrilitäten (etwa einen begradigten Wal mit Fußgängerübergang als Motiv der eher grundschulgemäßen Schöpfungen) und musikalisch einen völlig durchgedrehten "Suizid-Metal" über den Suppenkasper.

Etwas ruhiger, aber nicht weniger subversiv ließ es Michael Altinger angehen. Doch, er führt eine glückliche Ehe, säuselt er, von einem Selbsterfahrungskurs geläutert, ins Mikrofon. Um direkt darauf auszurasten wie Jack Nicholson in Kubricks Streifen "Shining": Gemartert von Wespen, den Nachbarn und Benjamin-Blümchen-Kassetten der Kinder ist das Leben eben nicht immer schön, da kann man schon einmal eine Glasfigur zerdeppern, als Ausgleichssport im täglichen Horror sozusagen. "Dann ist es auch nicht mehr so schlimm, wenn meine Frau atmet", resümiert Altinger das Ehe-Idyll.

Vollends kurios schloss der Abend ab: Mit zitternder Falsett-Stimme schilderte Johann Köhnich einen ganz normalen Tag, an dem man ohne Motivation aufwacht, die Decke betrachtet und dann auf einmal feststellt, dass beide Füße gefesselt sind. Auf dem Fensterbrett sitzt eine blinde Taube, die "so schaute, als hätte sie irgendwas damit zutun".
Teilweise zum brüllen komisch verhandelt Köhnich in einer Art Amalganierung der Langsamkeit Rüdiger Hoffamnns und der Nonsens-Ader des (nicht musizierenden) Helge Schneider seine Impressionen. Noch stehen sechs weitere Kabarettisten in den Startlöchern, für den zweiten Tag des "Wettkampfs", der die Entscheidung bringen wird. Morgen daher mehr an dieser Stelle. Wir dürfen gespannt sein.


Kritik PRIX PANTHEON 2000, 2.Tag
vom 5.5.2000 aus der Bonner Rundschau:

Abschluss des Prix-Pantheon-Festivals - Alf Poier erhielt den Jurypreis "frühreif und verdorben"

Bekenntnisse eines Scheinheiligen

Von Christian Böhm

Bonn. Prix Pantheon Teil zwei - und die Entscheidung: Robert Gernhardt bekam den Sonderpreis "reif und bekloppt", den Publikumspreis "beklatscht und ausgebuht" Matthias Brodowy und den Preis der Jury - "frühreif und verdorben" erhielt Alf Poier. Begründung der Jury: " So überraschend, saukomisch und begeisternd war Kabarett schon lange nicht mehr." Die Preise sind mit je 7000 DM dotiert.

Vier der sechs Gäste des zweiten Abends machten so viel Spaß, dass man sie gerne wieder im Pantheon bewundern möchte. Sehr nett: Irmgard Knef, die zu kurz gekommene und bis dato unbekannte Zwillings-schwester der Hildegard, gespielt von ULrich Michael Heissig. Kommt als schrullige Grand DAme auf die Bühne. "Mein Schweigen hat mich viel gekostet", sagte die zehn MInuten Jüngere. "Hilde auch." Trocken tischt sie dem Publikum ihre Sicht von einer großen Karriere und ihren Bedingungen. Arm dran ist die Verkannte, denn: "Hilde schrieb ab." Köstliches zwischen Parodie, Travestie und Hommage.

Kaya Yanar betreibt Stand-Up-Comedy im amerikanischen Stile. 1973 wurde er in Frankfurt am Main geboren. Nun portraitiert er die Bewohner seiner Stadt: die Deutschen, die Türken, die Araber... - knackig. Sein programm ist so leichtfüßig wie albern und riß die Pantheoniken zu großem Applaus hin. Yanar war wohl der größte Widersacher des Publikum-Preisträgers Matthias Brodowy.

Brodowy, der ehemalige Student der katholischen Theologie, gewann seine Auszeichnung völlig zu recht. Die Suche nach Gott und nach der Pointe sei so ziemlich dasselbe, wie Moderator Rainer Pause meinte - wahrlich göttliches Kabarett ließ sich der junge Mann aus Hannover tatsächlich einfallen. Er steht da wie die Unschuld in Person, rückt sich nervös die Brille zurecht und lästert fleißig und zuweilen ins Absurde abschweifend vor sich hin. Dabei spielt er (denn auch als Kirchen-musiker war Brodowy mal tätig) Klavier und nebenbei auch mit dem Klang der blitzschnell aneinander gereihten Wörter. Das war versiert, das hatte Rasse und Klasse. Ein sympatisches Programm von einem souveränen Scheinheiligen.

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