Kritik BENJAMIN von STUCKRAD-BARRE
"Blackbox" Lesetour 2000
vom 25.10.2000 aus dem General-Anzeiger Bonn:


Ricken und die Reproduzierbarkeit von Glück

Benjamin von Stuckrad-Barre meidet im Pantheon die Rituale
konventioneller Lesungen, betritt die Bühne mit Koffer und
BVB-Tüte und verteilt Obst und Süßigkeiten an die Fans

Von Dietmar Kanthak

Das Problem der Popliteratur, heißt es in konservativen
Kreisen, liegt darin, dass hier ein Freizeitgefühl mit
einem Lebensgefühl, ein Nebenbei mit einer Hauptsache, ein
Bumbumbum mit einer Substanz verwechselt werde. Mit
anderen Worten: In den Bezirken der Kunst hätten Leute wie
Christian Kracht, Florian Illies oder Benjamin von
Stuckrad-Barre nichts verloren.

Foto:Daniela Eger

In der Tat lässt sich ein so berühmtes Buch wie
"Faserland" von Christian Kracht konsumieren wie ein
chinesisches Mittagsmenü: schnell und ohne Spuren zu
hinterlassen. Doch die mitunter brutal einschreitende
Kulturkritik konzentriert sich allzu sehr auf die
kreativen Schwächen der Autoren und unterschlägt deren
rare Gabe: intelligent zu unterhalten.

Dieses Talent lag ganz offenbar in den Genen des
25-jährigen Popliteraten, Journalisten und Entertainers
Benjamin von Stuckrad-Barre. Im Pantheon stellte der
ehemalige Gagschreiber im Team von Harald Schmidt unter
Beweis, wes Geistes Kind er ist. In den besten Momenten
des zweistündigen Programms, das sich angeblich mit dem
Thema "Reproduzierbarkeit von Glück" beschäftigte,
schlüpfte er gleichsam in die Haut des Mannes, den
"Generation-Golf"-Autor Illies den "großen Erzieher
unserer Generation" genannt hat.

Im Pantheon traf Stuckrad-Barre auf eine treue Gemeinde,
die ihre Zuneigung auf dem T-Shirt demonstrierte
("Benjamin") oder sich ganz nach dem Geschmack des
stilbewussten Autors gekleidet hatte. Anzug war angesagt.
Die Veranstaltung hatte etwas von einem Uni-Happening:
Benjamin von Stuckrad-Barre, Idol der Erstsemester. Er
mied die Rituale konventioneller Lesungen, betrat mit
Koffer und BVB-Tüte (Borussia Dortmund) die Bühne und
verteilte wie schon im vergangenen Jahr Obst und
Süßigkeiten ans Volk. Der Autor interpunktierte seine
Lesung aus Werken wie "Blackbox" mit Projektionen
(Flugzeug im Sturzflug) und knalligen Musikeinspielungen;
die Wirkung von Popliteratur ist eben auch in "beats per
minute" messbar. Der Blackbox-Text "Vom Netz" reflektierte
über die problematische Beziehung dreier Menschen: Mann,
Frau und Kind. Stilistisch versetzt das den Leser gewiss
nicht in Aufregung, der lange Atem mancher Passagen
fordert viel Geduld. Doch Stuckrad-Barre ist ein
intelligenter Beobachter (vor allem seiner selbst), der
die Mechanismen des menschlichen Miteinanders pointiert
und immer ein bisschen böse darstellt.

Dann wieder kalauerte er im Pantheon über den Fall Daum,
las eine vermischte Meldung aus dem Tagesspiegel
(Einbrecher verwechseln Hunde-Asche mit Kokain),
berichtete von einer Nacht mit dem Fußballer Lars Ricken.
Er machte sich Gedanken über archetypische
Stuckrad-Barre-Fans ("blutjunge Dinger") und ließ das
Publikum vor einer Projektion deutscher
Durchschnittsgestalten Ossis raten.

Die Chuzpe, der Charme, die Hemmungslosigkeit des Mannes
machen seinen Erfolg aus. Hier lädt einer ganz herzlich
zur Identifikation ein. Und die Leute im Pantheon sparten
nicht mit Adoration. Schon gar nicht dann, als
Stuckrad-Barre sich krakeelig fürs Fernsehen empfahl, eine
Begegnung zwischen Schauspiel-Narziss Helmut Berger und
TV-Koch Alfred Biolek nachstellte oder aus Bergers
Lebensbeichte "Ich" vorlas; die Szene, in der dem
Jetsetter im Sporting Club in Monte Carlo ein "winziger
Windstoß" in die dünne weiße Hose ging.

Zuletzt missbrauchte der Entertainer das Wort Abi (kurz
für Abitur) mehr als sechzig Mal. Wie haben wir gelacht
über " C'est l'abi" und "El Abinal". Dann war Schluss.

Benjamin von Stuckrad-Barre: Blackbox. Kiwi-Paperback, 350
Seiten, 19,90 DM.

(24.10.2000)

nach oben