Kritik Schandmäuler
15 Jahre Pantheon in der Beethovenhalle
vom 30.1.02 aus dem General-Anzeiger Bonn:


Heimat der Schandmäuler

Deutschlands Comedy- und Kabarett-Stars gratulieren dem Bonner Pantheon zum 15. Geburtstag und werden von 2 000 Menschen in der Beethovenhalle bejubelt

Von Sandra Kreuer

Bonn. Ganz nüchtern betrachtet, ist ein Programm erst einmal ein Stück Papier. Zum Beispiel mit der Überschrift "Ablauf 15 Jahre Pantheon 2. und 3.6.02", wo Schwarz auf Weiß ein Teil der "Schandmäuler" stehen, die den Keller am Bundeskanzlerplatz zu dem gemacht haben, was er ist. Ein Tempel, wo laut Pantheon-Gründer Rainer Pause die "Künste angehimmelt und vergöttert werden" und einst "armen, fahrenden Leuten, die auf der Straße bettelten, ein Dach über dem Kopf gegeben wurde."
Live und in Farbe ging das Programm am Sonntag und Montag - jeweils in gleicher Besetzung - in der Beethovenhalle als "15 Jahre Pantheon Jubiläumsgala" über die Bühne. Passend zum Eröffnungsdatum 3. Oktober 1987 war bei den abendfüllenden Geburtstagsständchen Wiedervereinigung angesagt. Mit dabei Kabarettisten und Comedians, Vorleser und Musiker, Gastgeber Rita Baus und Rainer Pause, 50 Verantwortliche für den Aufbau sowie 2 000 Zuschauer pro Gala-Abend. Wobei Theater-Chefin Rita Baus noch mit ganz anderen Zahlen aufwarten könnte, wenn sie denn wollte. 4 975 Veranstaltungen mit 1 800 Künstlern und Gruppen etwa, die alleine die Halle voll gemacht hätten, 44 320 Telefonate, 90 000 Kilometer Zugfahrten, und, und, und.
Nicht zu vergessen die gute Tat, jemanden wie Ober-Schandmaul Harald Schmidt vor Schlimmeren bewahrt zu haben. Auf den Werbeplakaten noch angekündigt, meldete sich der Sat 1-Entertainer nur per Einspieler in Bonn. Eine angesetzte "Direktoren"-Vorstellung in Bochum hatte sein Kommen verhindert. Glückwünsche und Lob gab`s trotzdem für Rita Baus. "Sie hat sich stets für junge Leute eingesetzt, was sonst niemand in Deutschland macht". Das fanden auch die "Wise Guys": "Seit fünf Jahren stehen wir auf der Bühne. Die erste richtige Bühne, die uns hat singen lassen, war das Pantheon" - seitdem "Lieblingstheater" der schlauen Jungs.
Weg von der Straße und `rauf auf die Bühne: Ihre Dankbarkeit durften Jean Faure, Norbert Alich und Pause als "Opener" mit "Tell me Pourquoi" genauso unter Beweis stellen wie Matthias Deutschmann, der seinen ersten Auftritt an der ehemaligen Bannmeile am 4. Oktober 1987 hatte, Queen Bee, Basta, Georg Schramm, Ars Vitalis oder der als "Running Gag" agierende Erwin Grosche, der seine Überlegungen zu Schneeschieber und Reißverschluss in Versform goß.
Besonders stark präsentierte sich Cordula Stratmann in ihrer Parade-Rolle als "Annemie Hülchrath" aus der WDR-Kultsendung "Zimmer frei", die Rainer Pause als seine Schulgenossin outete. Frau Hülchrath indes, schick zurechtgemacht im pink-schwarz gemusterten Polyacryl-Kleid, outete ihren schwulen, pubertierenden Dackel Helmut. Eine schwierige Phase, in der Helmut zwischenzeitlich schon in eine Clique von Schlüsselhunden geraten war.
Gewohnt politisch geschliffen stellte Volker Pispers den "Clearasyl-Zerstoiber" zur Integration ausländischer Mitbürger vor. Seine Botschaft: "Man muss nicht integriert sein, um friedlich miteinander leben zu können", was auch in den verschiedenen Gegenden Nordrhein-Westfalens funktioniert. "Die einen trinken Bier, die anderen das, was sie dafür halten."
Als blutrünstiger Voyeur, der gerne die Leute vor die einfahrende U-Bahn stößt, irritierte Horst Schroth mehr als das er Applaus erntete. Blass blieb Olli Dittrich mit seinen aus "Samstagnacht"-Zeiten allzu vertrauten "Spocht-Nachrichten". Unangefochtene Stars unter den Sternen waren Michael Mittermeier - Prix Pantheon-Publikumspreis-Gewinner von 1996 - und Ingo Appelt. Alles in allem: Eine Gala mit hochkarätigen Gästen, wie man sie nicht oft zu sehen bekommt.
Diejenigen, die nicht dabei waren, können sich an der soeben erschienenen "Schandmäuler-CD" erfreuen.

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