Kritik Richard Rogler
"Anfang offen"
vom 5.10.2002 aus dem General-Anzeiger Bonn:



Auf zum Italiener für Besserverdienende

Aller "Anfang offen" bei Richard Rogler im Bonner Pantheon

Von Sandra Kreuer

Bonn. Früher war alles anders. Kein Wunder, dass Ex-Revoluzzer Camphausen nach 20 Jahren Dasein als Hausmann und Vater die Welt nicht mehr versteht. Ob`s am gemeinsam mit Sohn Tobias konsumierten Kinderfernsehen lag?

"Ich habe erst im Nachhinein erfahren, dass der Kanzler Kohl hieß und nicht Käpt`n Blaubär." Wer weiß da schon die Antwort; alles ist drin. Entsprechend hat Richard Rogler seinen aktuellen verbalen Rundumschlag "Anfang offen" genannt.

Mittendrin agiert Camphausen, Roglers Alter Ego. Knurrig, pragmatisch und noch immer alte Ideale verklärend. Im Gegensatz zu seiner Männergruppe "Kleeblatt". Deren Mitglieder hielten die Glasereibetriebe zwar durch wohl platzierte Pflastersteine in Lohn und Brot, gehören heute als Vermögensanwälte oder Internisten aber unwiederbringlich dem Establishment an.

Statt dem roten Che-Guevera-Konterfei auf der Lederjacke sind nun Sylt, ein für die Männertour gemieteter Mercedes Maybach und Gänge zum "IFB" - "Italiener für Besserverdienende" angesagt. Mit Wirten, die nebenbei den VHS-Kursus "Italienischer Akzent für Gastronomen" belegt haben. Was kann man da schon erwarten, wenn selbst das Leben von Joschka Fischer schon hollywoodreif ist.

Gedreht wird nach Camphausens Informationen auf einem Großparkplatz vor Los Angeles - die Kulisse Stuttgarts. "Die Darsteller wurden vier Wochen unter Valium gesetzt, damit sie auch schwäbisch wirken."

Ansonsten wären da noch seine scheidungswillige Ehefrau, Putztipps inklusive Wischen der Pantheon-Bühne, die die Bildungsmisere und die von Camphausen gestartete Initiative "Bildungsflitzer Europa 3000".

Diese berät Parteien und Unternehmen. Einzige Ausnahme ist die liberale Vereinigung FDP ("ein einziger Notfall"), was vor allem Möllemann zu verantworten hat. Sein jüngstes Vorhaben: "Er will sich nur mit einem weißen Betttuch und einem Ölzweig bekleidet mit dem Fallschirm über Ramallah abwerfen lassen. Aber so wie der mit dem Schnurrbart aussieht, halten ihn die Israelis am Ende noch für Saddam Hussein."

Ob Politiker oder Lehrer, Establishment oder Spätstarter wie Camphausen - kritisch-sympathisch holt Richard Rogler in "Anfang offen" aus. Wobei das Programm auch von der nicht jedem Kabarettisten gegebenen, ausgereiften Mimik und Gestik lebt. Und auch das ist nicht jedermanns Sache: Roglers kurzweiliges "Anfang offen" bewegt sich durchweg auf hohem Niveau.



(04.10.2002)

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