Kritik Russendisko
vom 2.6.2003 aus der Bonner Rundschau:


Misslungene Aufklärung im Zoo

Russendisko im Pantheon

Von Antje Stilger

Bonn. Gleich zwei Highlights auf einmal bot die Elf Uhr Nachtbühne am Freitagabend im Pantheon. Zunächst hieß es zuhören bei den Erzählungen von Jungautor Wladimir Kaminer, dann hieß es: abtanzen. "Russendisko" live hieß das Konzept, das normalerweise im "Kaffe Burger" in Berlin für Furore sorgt. Doch davon ließen sich die Bonner nicht beeindrucken und zeigten, was die Berliner können, können wir schon lange. Zu ungewohnten harten Klängen russischer Pop Bands tanzten die Besucher begeistert: kaum waren die ersten Töne angestimmt, hoben die Insider im Publikum die Arme und sangen die Texte mit. Auch DJ Yuriy Gurzhy und Literaturstar Wladimir Kaminer hatten auf der Bühne sichtlich ihren Spaß und tobten sich richtig aus.

Vor dem kultreifen Tanzen las Kaminer zirka eine Stunde unter anderem aus seinem Buch "Russendisko" und stimmte so das Publikum auf die folgenden Melodien ein. Seine Themen: der Kosmos, Kindererziehung, Reisen und Sex. Bescheiden stellte sich der sympathische Autor erst einmal vor und fragte dann nach besonderen Lesewünsche des Publikums.

Kaum hatte Kaminer die ersten Silben über die Lippen gebracht, hielten sich die Zuhörer schon die Bäuche vor Lachen. Mit trockenem Humor beschrieb der Wahlberliner Kaminer den Sputnik-Schock der Amerikaner und kulturelle Klischees - von den permanent Lederhosen tragenden und jodelnden Deutschen bis hin zu den Don Kosaken-Chören in Russland.

Auch ganz neue Geschichten gab Kaminer zum Besten, unter anderem über den ökumenischen Kirchentag oder über Vorbilder. Hier kommt der Literat zu dem Schluss, dass nur ein totes Vorbild ein gutes Vorbild sei. Neben politischen Äußerungen widmete sich Kaminer aber auch den Problemen des alltäglichen Lebens. Wunderbar selbstkritisch und humorvoll erläuterte er , wie er versucht, seinen vierjährigen Sohn anhand von Krokodilen im Zoo aufzuklären, das Unterfangen aber am Ende trotz aller guten Vorsätze des Vaters schließlich ordentlich daneben geht.
Eine Veranstaltung, die Literatur und Musik erfolgreich verband.

(2.6.2003)

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