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Kritik Benjamin von Stuckrad-Barre
"Deutsches Theater"
vom 19.3.02 aus dem General-Anzeiger Bonn:
Es muss doch auch Souffleusen geben
Das Leben ist Theater: Benjamin von Stuckrad-Barre erzählt im Bonner Pantheon vom Dasein als Gummi-Handy
Von Susanne Haase-Mühlbauer
Bonn. Zerknüllt liegen sie dort, die Leseproben. Mit (gespielter?) Hektik sucht Benjamin von Stuckrad-Barre nach einem Konzept, "Struktur und Ordnung" in seiner Lesung und gesteht dann, dass es dafür leider zu spät sei. Also wird auf der Bühne des vollbesetzten Pantheon laut gedacht, gelästert, Glas auf Glas umgekippt und die Zeit bis zum nächsten Text mit ein paar Publikumsspielchen überbrückt.
Das macht die Lesung zur Show. Und die steht dem Buch "Deutsches Theater" allemal näher, als es ein trockenes Vorlesen sein könnte. Die Mischung aus Harald-Schmidt-Show und Jahrmarkt-Tombola macht sich gut zwischen den Texten, macht das Leben auf und um die Bühne zum Teil des Theaters. Wie überhaupt alles, was Stuckrad-Barre in seinem neuen Buch unter die Lupe nimmt.
Politiker, Schauspieler, Pizza-Bringer, Schmuckverkäufer. Und der Unterhaltungswert von Stuckrad-Barres kabarettistischen Qualitäten, die konzeptionelle Ähnlichkeiten zur Harald-Schmidt-Show aufweisen, ist auch nicht zu verneinen.
Ob hier die Interaktion mit dem Publikum das Intermezzo zur Lesung war oder umgekehrt, ist eigentlich egal - denn dem Stil des Buches entspricht der lockere Sprachstil Stuckrad-Barres und seine ironische Distanz, die sich nur oberflächlich geben.
Dahinter verbirgt sich ein feiner Sinn für Widersprüche, gnadenlose Hingabe an die mitunter bizarre Realität. Das ganze Leben wird als Theater enttarnt. Rollenspiele mit Haupt- und Nebenrollen gehören genauso dazu, wie es Regisseure und Souffleusen geben muss - sie alle spiegeln sich in Stuckrad-Barres Textesammlung, von der das meiste schon veröffentlicht wurde, unter anderem in "Die Woche", "FAZ" und "Welt am Sonntag". Und der Autor verbleibt zumeist in der Rolle des Beobachters.
Er tut dies längst nicht mehr so polemisch, wie er in seinen früheren Veröffentlichungen war. Dafür aber weiterhin mit Biss und Scharfsinn. Da macht es Spaß, den Blick auf das große und kleine Theater mit ihm zu schärfen und den Mut zu neuen Wortschöpfungen zu beschmunzeln.
Etwa wenn er sich als Krebsfleisch- und Krabben-Puhler in einer Sylter Fischfabrik beschreibt, Manfred Krug bei einer Abmagerungskur beobachtet oder als zwei Meter großes Gummi-Werbe-Handy durch ein Stadion hüpft und schwitzt. Passend zu den Texten auch seine Fotoedition mit Mut zu ungewöhnlichen Perspektiven, die den begabten Blick aufs Detail genauso beweist, wie es seine Texte tun.
(18.03.2002)
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