Kritik Chocolate vom Laranja vom 4.6.04 aus dem General-Anzeiger Bonn

10. Pantheon-A Cappella
-Festival

Süß wie Schokolade, spritzig wie Orangen

Auftakt mit "Chocolate com Laranja" im Bonner Pantheon

Von Susanne Haase-Mühlbauer

Bonn. Es ist Samstag in Rio de Janeiro. Ab elf Uhr vormittags duftet es nach Grillfleisch aus den Gärten, wo man mit Freunden den ganzen Tag über sitzt, Caipirinha oder eiskaltes Bier trinkt, gemeinsam singt, den Samba-Rhythmus klopft. So oder so ähnlich lautete die stimmungsvolle Beschreibung eines typischen Samstags in ihrer Heimat, mit der Rosani Reis auf die "Obstgarten-Samba" einstimmte. Die Brasilianerin, die zusammen mit Yma América (Venezuela), Carolina Riano (Kolumbien) und Christina Plein (Deutschland) die A-cappella-Gruppe "Chocolate com Laranja" (Schokolade mit Orange) bildet, ließ ihren Stimmungsbildern Klangbilder folgen.

Gezeichnet wurden sie ausschließlich mit der Kraft vierer Frauenstimmen. Die wurden gelegentlich ergänzt durch Gitarre (Reis), Quatro (Yma América) oder Percussion-Instrumente und erzählten kleine Geschichten voller Wärme, Temperament und Lebenserfahrung - melancholisch-schwermütige Saudade-Stimmung und übermütige Tanzlieder, traditionell und zeitgenössisch, folkloristisch eingefärbt oder blues-inspiriert.

Das bunte Mischverhältnis zog sich als Leitfaden durch das gesamte Programm. Das zeigte nicht nur, dass brasilianische und lateinamerikanische Musik jenseits der Klischees viel zu bieten hat, sondern auch, dass A-cappella-Musik gleichermaßen folkloristischen wie zeitgenössischen Strömungen gegenüber offen sein kann. Und diese Offenheit machte "Chocolate com Laranja" zu ihrem Aushängeschild.

Mal süß wie Schokolade, mal spritzig und ausgereift wie Orangen. Und wer dabei die portugiesischen oder spanischen Lieder aus Brasilien und Lateinamerika nicht verstand, war dankbar für die kurzen Hinweise. Etwa den augenzwinkernden Hinweis auf ein Lied aus Reis' Heimat Minas Gereis, die als "meerloser" Bundesstaat Minas Gereis mit einem eigenen Fischerlied ironische Akzente setzte.

Doch die vierstimmige Frauentruppe ließ auch Melancholie und Schwermut, etwa in Stücken von Baden Powell oder Tom Jobim, aufkommen, um im nächsten Moment ein intervallsicheres, zeitgenössisches Lautexperiment ("Sine nomine et sine sensu") zu starten. So setzte der Auftakt des zehnten A-cappella-Festivals im Pantheon wertvolle und ungewöhnliche Akzente einer wandlungsfähigen, stiloffenen A-cappella-Musik.

(03.06.2004)