Als wir vor sieben Jahren nach einem Namen für den Ehrenpreis des Prix Pantheon gesucht haben, hat wohl keiner daran gedacht, dass es einen gibt, auf den die Bezeichnung "reif und bekloppt" wie massgeschneidert passt: den schlesischen Bayern Dieter Hildebrandt, der die beiden widersprüchlichen Eigenschaften in ihrer reinsten und damit perfektesten Form verkörpert: Der 1927 in Bunzlau geborene Wahlmünchner ist in mancherlei Hinsicht reif - zum einen für diese Auszeichnung, zum anderen für eine Rehabilitation. Wenn jemand wie er immer wieder als "moralische Instanz", als "lebende Legende" und "Gewissen der Nation" gepriesen wird, hört sich das verdächtig nach Lobhudelei an. Ab auf den Sockel - und schon ist auch der Unbequemste entsorgt.
Dieter Hildebrandt ist nicht so bekloppt, als dass er diesen Mechanismus nicht längst durchschaut hätte. All jenen Kollegen und Epigonen, die zugeben, dass er zu ihrer "Ich-Findung - und -Stärkung" beigetragen hat, ihm gleichzeitig aber unterstellen, im angereiften Alter nach Preisen zu gieren, haut er kräftig einen auf den Hut. Wobei diese Schmähschriften-Verfasser mit ihren Invektiven eine wichtige Komponente übersehen: das gar nicht so blöde Publikum. Das speist Hildebrandt nämlich nicht mit fix- und fertigen Fünf-Minuten-Denkterrinen ab, sondern gibt ihm selbst noch was zu tun.
Keiner beherrscht wie er die hohe Schule der Anspielungen, die Kunst des uneigentlichen Sprechens, mal mit vorsätzlich verhaspelten Worten, mal mit Sätzen, die in der Schwebe bleiben und im Kopf der Zuhörer vervollständigt werden. Keiner mischt die kabarettistischen Karten aus Komik, Kalauer und Kritik so geschickt wie er: Hildebrandt ist eine Spielernatur. Er ist weder Erlöser noch Lehrmeister der Nation. Kurz: Hildebrandt gibt dem Leben eine Form.
Die Jury der Prix Pantheon zeichnet mit Dieter Hildebrandt einen Kindskopf aus, dessen Lust am subversiven Treiben gepaart ist mit analytischem Geist, gespeist aus einer geheimen, noch nicht so genau lokalisierten Quelle, aus der unerschöpfliche Wort-Kombinationen hervorsprudeln, die er ganz nach Belieben zusammen klaubt, um sie - vom Staube befreit - in seiner unnachahmlichen, stakkatoartigen Diktion unters Volk zu streuen.... Kurz: Hildebrandt ist reif für die Torheit und bekloppt wie das Tor zu Wittenberg.
Herzlichen Glückwunsch!
Die Jury des Prix Pantheon
Nächster Pantheon-Auftritt am 2.+3. Juli 2011